The Shrinking Sloth

Kurzgeschichten und Momentaufnahmen


Ein leeres Blatt

Ein leeres Blatt Papier. Ein voller Kopf. Gedanken rasen. Womit sollte er beginnen? Wie damit klarkommen? WTF???

Nie wieder! Nie wieder ist jetzt! Vielleicht war „Nie wieder!“ auch eigentlich zu keinem Zeitpunkt wahr. Niemals gewesen. Denn, wie sich in den letzten Monaten immer weiter herauskristallisierte, war es einfach eine verdammte Lüge gewesen. Denn, wenn es hart auf hart kommt, waren sich so viele einfach selbst die nächsten. Wie funktioniert das menschliche Gehirn? Wie die letzten Wochen – nein, die letzten Jahre – immer weiter offenlegten, ist ein leider sehr bedeutender Teil der deutschen Bevölkerung wieder von Hass erfüllt. Und dieser entlädt sich im Zulauf zu einer im wahrsten Sinne a-sozialen Partei. Doch wie sollte man diesen Lügen und Diffamierungen entgegentreten? Wie die drohende Apokalypse abwenden?

Ohnmacht macht sich breit. Sein Kopf ist zeitgleich leer und unglaublich voll. All die Floskeln – leere Worte. Und die Lügen. Er kann das alles nicht mehr. Unsagbares ist wieder sagbar geworden. Und zwar laut. So laut, dass es ihn gefühlt anbrüllt, sobald er ins Netz geht. Es gab mal einen Film, erinnert er sich. In dem wollten – zugegeben ziemlich dämliche – Terroristen etwas Großes in die Luft sprengen. Das Internet. Ach, was wäre es schön, wenn dies… Nein, sagt er sich selbst. Nein, es kann doch nicht sein, dass Menschen so… So… Ihm fehlen die Worte. Dieses Land ist einfach nur noch… Er versteht es einfach nicht. Wie kann man so voller Hass sein? So unglaublich destruktiv? So unglaublich a-sozial?

Während die Welt um ihn herum scheinbar freidreht, sitzt er an seinen Küchentisch und starrt. Hinaus aus dem Fenster. Ins Dunkel. Ins Leere. Sein Magen knurrt. Warum? Warum zerstört er die Stille? Einfach so? Ohne Grund. Er denkt ans Essen. Und es löst nichts aus. Kein Hunger. Überhaupt, er spürt nichts. Sein Körper ist wie sein Kopf: Leer und taub. Müsste er nicht irgendetwas tun? Aktiv werden? Sich dem allen entgegensetzen? Ist es zu spät? Vor ein paar Monaten hätte er etwas tun müssen. Doch da schien alles noch so weit weg. Und was hätte er schon tun können?

Er sitzt an seinem Laptop, muss etwas schreiben. Etwas über diese Wahl. 5.000 Zeichen Kolumne. Die Abgabe ist heute 12 Uhr. Eigentlich hatte er gestern schon beginnen wollen. Nach den ersten Hochrechnungen. Das erwartete war eingetreten. Und doch hatte es ihn überfahren. War er überrascht? Nein, das nicht wirklich. Es hatte sich abgezeichnet. Und doch hatte er – wie er dann merkte – die Hoffnung nicht aufgegeben. Sich förmlich an sie geklammert.

In den 90ern hatte es schon einmal eine ähnliche Zeit gegeben. Die Angst vor den Nazis. Diesem elenden Pack. Und sie waren nicht wenige gewesen. Hatten auf den Dorfparties immer wieder für Stress gesorgt. Glatze – Nassrasur, Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln und Londesdale Pullis. Ja, damals waren sie noch einfach zu erkennen. Kaum eine Handvoll von ihnen reichte, um der Party einen frühen Ausgang zubescheren. Glücklicherweise waren sie immer mehr gewesen. Er und seine Freunde in den Domestos-Jeans und den bunten Haaren. Und die Jungs in Baggy Pants. Eigentlich alle Cliquen standen gemeinsam gegen die Faschos. Vereint. Selbst die von der Landjugend, die eher konservativ drauf waren. Letztere wählen heute sicher die CDU. Und vielleicht auch die a-soziale Partei. Was ihn aber vielmehr mitnimmt, ist, dass aus seiner Clique, die mit den bunten Haaren, inzwischen zwei dieser Partei angehören. Ja, in seinem Heimatort sogar mit ihren Gesichtern Wahlplakate zieren. Er schüttelt den Kopf. So, als wolle er sein Gehirn resetten. Weil seine Erinnerungen nicht zu dem passen, was heute Realität ist.

5.000 Zeichen… Das ist doch nicht so viel. Keine zwei DIN A 4 Seiten. Und doch – ein leeres Blatt. Ein Blatt, auf dem alles erzählt werden könnte. All die Schlägereien auf dem Schulhof. Weil die Faschos versuchten, jüngere, nicht deutsch genug aussehende Jungen und Mädchen einzuschüchtern. Wie sie sie herumschupsten. Bespuckten. Sie aufforderten, nach Hause zu gehen. Wo auch immer das sein sollte. Wie seine Freunde und er sich dazwischen stellten. Und als erste zuschlugen. Die Lehrer schien dies nicht zu interessieren. Zumindest die meisten. Wie sie Schulverweise bekommen hatten. Die Faschos und sie. Beide. Denn hey, man könne ja nicht sagen, wer zuerst zugeschlagen hatte.

Ja, und heute, da ist Antifa linksextrem und die a-soziale Partei rechts, aber bitte nicht extrem. Wie hatte es soweit kommen können? Ein Schrei nach Liebe war es sicher nicht mehr. Und auch das Gefühl, mehr zu sein, ist irgendwie gewichen. In den Medien war es rauf und runter gespielt worden. Das Thema der Stunde: Migration. Von Journalisten wie ihm. Angestachelt von einem Verlagshaus, das längst diesen Namen nicht mehr verdiente. Vielmehr eine Lobby-Agentur geworden war, Kampagnen schmiedet und für den schnöden Mammon seine letzte Ehre verkauft. Wobei: Ehre hatte es eigentlich noch nie gehabt… Aber was war denn mit den anderen Medien los gewesen? Wir hatten doch mal eine gut aufgestellte Presselandschaft. Die vierte Gewalt. Wo war sie nun??? Natürlich gab es sie noch. Nur hinter Bezahlschranken im Internet. Und bezahlen – das ist ja so eine Sache, wenn man alles vermeidlich mundgerecht auf Social Media präsentiert bekommt. Aber die Öffentlich-rechtlichen… Wo waren die? Zu jedem Verbrechen eines Migranten ein neuer Brennpunkt. Weil es ja einfach auch mal zu viel ist. Und wie kann eine Partei dies bitteschön nicht so sehen? Dabei gibt es doch wesentlich dringlichere Themen, die das Land beschäftigen sollten. Mieten zum Beispiel. Oder der Krieg in der Ukraine. Oder der in Gaza. Und bekommen wir eigentlich mit, was in Bosnien geschieht? Das Klima, Artensterben, mangelnde Infrastruktur. Ja, und da war die Wirtschaft, die steigenden Preise beim Lebensunterhalt noch gar nicht einberechnet. Und wie verdammt lang wartete man bitteschön auf einen Handwerker?

Nein, all dies schien keinerlei Bedeutung zu haben. Einzig die Migranten. Die sind an allem Schuld. Und müssen raus. Sofort. Nur wohin? Und die geopolitische Lage sieht jetzt auch nicht gerade danach aus, als würden sich die Kriege und Hungersnöte, Krankheiten und Armut in den nächsten Jahren in Wohlgefallen auflösen, so dass die Menschen, die aktuell woanders ihr „Glück“ suchten, in ihrer Heimat bleiben. Und wo sollten sie dann hin? Wo doch überall auf der Welt die Staaten, die ein besseres Leben versprachen, ihre Grenzen dicht machen wollten und die, in denen es mies aussah, wo Menschen um ihr Leben bangen mussten – ob nun wegen eines Kriegs, Hunger oder Verfolgung aufgrund ihres Lebensentwurfs – ja, die würden nicht „zu Hause“ sitzen bleiben. Sie würde ihr Land verlassen…

Er schaut vom Laptop hoch, durch das Fenster, durch das inzwischen Licht strömt. Sieht ein Eichhörnchen einen Artgenossen von Baum zu Baum jagen. Dann ein schneller Wechsel, und der Artgenosse jagt seinen Jäger. Alle paar Sekunden ändern sich die Rollen. Seine Augen folgen den Tierchen und ein Lächeln macht sich in seinem Gesicht breit. Doch da, plötzlich fällt etwas braunes vom Himmel. Greift sich das jagende Eichhörnchen. Das quickt kurz, dann schlägt der Bussard seine großen Flügel und steigt fast so schnell wieder auf, wie er runtergekommen war. Er, der er eben noch lächelte sitzt mit geöffnetem Mund da und starrt auf den Baum, der wie verlassen im Hinterhof steht. Die paar Äste, durch die der Bussard gekommen war, bewegen sich noch leicht nach. Würde er erst jetzt aus dem Fenster schauen, es würde nichts groß auf dieses gewaltige Naturschauspiel mehr hinweisen. Friedlich schaut es aus, und ruhig. Er steht auf, tritt ans Fenster und schaut hinaus. Nichts. Keine Feder oder Ast auf dem Boden. Als wäre dies alles nie passiert. Tief atmet er ein. Schaut. Als sich sein Atem den Weg aus seinem Mund bahnt, plöddern seine Lippen. Er dreht sich um und geht an die Küchenzeile, gießt Wasser in den Wasserkocher, drückt den Hebel nach unten, so dass er rot leuchtet. Während das Wasser langsam zu kochen beginnt, nimmt er eine große Tasse aus dem Schrank, hängt einen Teebeutel in die Tasse. Er wartet bis der Wasserkocher das Wasser zum Sprudeln gebracht hat. Es macht klack. Der Hebel ist wieder hochgesprungen. Langsam lässt er das kochende Wasser in die Teetasse fließen und beobachtet dabei, wie der Teebeutel das Wasser allmählich rot färbt…



Hinterlasse einen Kommentar

Über mich

Jahrgang 78, weiblich
Hobbies: Laufen, Schreiben, Wandern, Schwimmen, Yoga, das Hundekind
Music: Punk, Northern Soul, Britpop, 90s Deutsch-Hip-Hop, Ska
Köllefornia based

Newsletter