The Shrinking Sloth

Kurzgeschichten und Momentaufnahmen


Der Rechtsaußen

Schon damals, zu Uni-Zeiten hatte er gelernt, früh aufzustehen, um aus dem Tag auch wirklich alles herauszuholen. Und an diesem Sonntagmorgen war dies auch nicht anders. Anders war allerdings, dass er weder von hämmernden Kopfschmerzen noch von absoluter Übelkeit aus dem Schlaf gerissen wurde. Seine innere Uhr hatte diesen Job inzwischen übernommen – und zwar extremst zuverlässig. Und das seit nunmehr acht Jahren und acht Monaten. Seitdem er aus dem Verbindungshaus ausgezogen war, das Studium der Juristerei mit Auszeichnung beendet hatte, und sich diese Wohnung gekauft hatte. 

Er hatte das komplette Studium der Rechtswissenschaften von seinen Eltern finanziert bekommen – benötigte dieses Geld aber gar nicht. Er hatte ja in der Verbindung gelebt, und dort hatten sie für alles gesorgt: Das leibliche und geistige Wohl. Ihm hatte an nichts gefehlt. Und das Geld, das ihm seine Erzeuger gegeben hatten, hatte er trotzdem angenommen, es angelegt und keinen weiteren Gedanken daran verschwendet, wie hart dieses Geld verdient worden war. Geld, das weder seit Generationen in der Familie lag, so wie es bei vielen seiner Kammeraden der Fall gewesen, noch durch einen – in seinen Augen – angesehenen Beruf erwirtschaftet worden war. Nein, seine Mutter war putzen gegangen und hatte beim Lidl an der Kasse gesessen. Sein Vater hatte sich mit Gelegenheitsjobs so durchgeschlagen – immer mal wieder auf dem Bau, dann ging die Firma pleite und er bekam wieder Hartz 4. 

Wie er sie dafür verachtet hatte. Wie sehr er sich danach gesehnt hatte, nach dem Abitur weit weg von ihnen studieren zu können. Sie und ihre Schmach nicht mehr sehen zu müssen. Eine Schmach, die sie ihm angetan hatten. Und zwar immer wieder dann, wenn er nicht an Klassenfahrten hatte teilnehmen dürfen. Kein Geld. Oder er keine Freunde mit hatte nach Hause bringen konnte, da sonst aufgefallen wäre, dass es eigentlich gar kein Wohnzimmer gab, denn dies war zeitgleich das Schlafzimmer seiner Eltern gewesen. Doch am allerschlimmsten war es für ihn gewesen, dass seine Mutter nur zu Anfang – als er noch zur Grundschule ging – an Elternsprechtagen aufgetaucht war. An der weiterführenden Schule schämte sie sich zu sehr, da ihr Deutsch nach all den Jahren noch immer mehr als zu wünschen übrig ließ. Und daher durfte er auch nicht aufs Gymnasium. 

Denn… Eigentlich hatte er keine Ahnung, warum eigentlich. Er schien einfach nicht von Interesse für sie zu sein, denn stattdessen wurde er auf der Gesamtschule abgeladen. Da, wo er bis nachmittags bleiben konnte, Essen bekam und eben weg von zuhause. Und wenn er dann nach Hause kam, war er trotzdem noch allein. Okay, es sei denn dass sein Erzeuger – mal wieder – arbeitslos war. Doch selbst dann schien er war er spätestens dann aus dem Haus, wenn er von der Schule nach Hause kam. Und kam meist erst am nächsten Morgen – vollkommen K.O. – heim. 

Niemals hatte er ihnen verziehen, dass sie sich von seinem Großvater hatten abgewendet. Der hatte Geld. Und zwar massig. In den späten 30er Jahren war er zu Geld gekommen. Viel Geld. Und hatte es geschafft, dieses Geld zu sichern – in Argentinien. Wo er irgendwann mit Frau und Söhnen hinzog. Sein Vater lernte und sprach spanisch und das hatte seinen Großvater erzürnt. So sehr, dass sein Vater, sobald er volljährig geworden war und einen Pass besaß, eine Kehrtwende absolvierte und über Italien zurück nach Deutschland remigrierte. Und seine Mutter, die er während seines kurzen Stopps in Italien kennen und lieben gelernt hatte, direkt mitnahm. Ja, und da standen sie nun, allein in einem Land, das ihnen fremd war, ohne Geld oder gar irgendein Talent.

Hin und wieder kam per Post ein kleines Päckchen – aus Südamerika – auf dem sein Name gestanden hatte. Doch er hatte es nie öffnen dürfen. Wir wollen kein Blut an unseren Händen! Er wurde gar nicht erst gefragt. Ein einziges Mal hatte er eines der Päckchen geöffnet. Und es hatte eine gehörige Tracht gesetzt. Sein Vater war wie im Rausch gewesen. Und seine Mutter einfach aus der Wohnung gegangen. Hatte die Monate danach nur noch mit ihm geredet, wenn sein Vater nicht anwesend war…

Ja, es hatte die Möglichkeit eines besseren Lebens bestanden. Und dies wäre nur allzu fair ihm gegenüber gewesen. Stattdessen rackerten sich die beiden ab. Stets müde, hungrig und  krank. ‚Selber Schuld!‘, dachte er noch. ‚Alles eine Sache der Einstellung und des Mindsets! Wenn man schon denk – Ohohoh, ich bin ein Sünder, der das Erbe seines Vaters mit sich trägt und Buße tun muss… – Wie soll da was Gescheites rauskommen? Das manifestiert sich in einem. Und das Universum gibt Dir dann auch genau das zurück!‘ 

Ein wenig aufgebracht geht er ins Bad. Duschen. Kalt. Eiskalt. Nur das macht hart und bringt Erfolg. Und den hatte er inzwischen. Als Rechtsanwalt begonnen und inzwischen in der Staatsanwaltschaft. In Dortmund. Gar nicht weit weg vom Ort seiner Kindheit und Jugend. Aber das hatten seine Eltern nicht mehr mitbekommen. Ein Arbeitsunfall auf einer Baustelle. Und als seine Mutter ganz allein am Grab stand – was hätte er auch da gesollt? War ja alles ihre eigene Schuld! Da ging seine Mutter den Weg, den alle Schwächlinge gehen: Den Weg ins Wasser. Und kam nie wieder zurück. 

Nach dem Duschen warf er einen Bademantel mit dem Wappen seiner Burschenschaft über, ging in „sein“ Zimmer und zog die Flagge hoch, erst schwarz, dann weiß und zuletzt rot. Er mag dieses Rot. Er mag sein Zimmer. Niemand betritt es außerhalb der Klub-Treffen. Klar, allzu häufig kommt auch kein Besuch, also Damenbesuch. Und heute, ja, heute Abend würden sie hier gemeinsam sitzen, Bier trinken und die Wahlergebnisse am Fernseher verfolgen, diskutieren. 

Doch vorher musste er noch fix die Einkäufe, die er gestern Nachmittag für die nette ältere Dame aus dem Erdgeschoss erledigt hatte, runterbringen. Frau Locatelli wartete bestimmt bereits. Seit ihr Mann vor Jahren schon an Staublunge gestorben war, kümmerte er sich um sie. Denn die zahlreichen Kinder und paar wenigen Enkelkinder lebten über ganz Europa verstreut. Den Haag, Athen, Lissabon, London, Marseille. Eine Tochter hatte es sogar in die skandinavische Pampa verschlagen. Bei Frau Locatelli gab stets den besten Espresso in der ganzen Stadt, und ein nettes Pläuschchen – auf Deutsch! Denn im Gegenteil zu seiner Mutter… 

Bevor er hinunter ging, schloss er sein Zimmer ab. Zweimal. Und schob den deckenhohen Spiegel vor die Tür, so dass der Raum, der sich dahinter verbarg, nur bei genauerer Betrachtung der Räumlichkeiten in Bezug auf die Architektur des Hauses erahnbar war. In nicht allzu ferner Zukunft, so hoffte er, könne dieser Raum offen eine zentrale Position in der Wohnung darstellen, so wie er es für Deutschland täte. Heute Abend würde hierfür der erste Schritt erfolgen.



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