The Shrinking Sloth

Kurzgeschichten und Momentaufnahmen


Die Natur der Dinge

Es ist ein heißer Sommertag. Die Sonne steht Wolken frei am Himmel und der Wind scheint sich woanders zu tummeln. Johanna öffnet das Fenster – wie ein Bulldozer rollt die warme Luft langsam in die Wohnung. Schnell schließt sie es wieder. So bringt das nichts. Sie muss raus! Und zwar schnell. Irgendwo hin, wo es Erfrischung verspricht. See! Sofort! Denkt sie, streift ihren gelben Bikini über den bereits leicht feuchten Körper und wirft sich das dünne, blau-weiß gestreifte T-Shirt-Kleid über. Schnappt sich die Badetasche und verlässt die Wohnung. Die Fahrradfahrt zum See verspricht zumindest ein wenig Abkühlung. Der Fahrtwind zusammen mit dem frischen Schweiß auf ihrem Körper hat schon ein wenig Erfrischendes. Fast fühlt es sich so an, als würden die Schweißtropfen auf ihrer Stirn wie bei einem Scheibenwischer nach rechts und nach links geschoben, so dass wirklich ihr komplettes Gesicht feucht und durch den Wind gekühlt wird. Sie spürt die Luftzirkulation unter ihren Achseln. Während sie in die Pedalen tritt verspürt sie ein kurzes Ziehen im unteren Bauch. Die Tasche scheuert auf ihrer Schulter hin und her. Ihre Oberschenkel reiben am Sattel.

Angekommen. Die inzwischen nicht mehr ganz so grüne Liegewiese ist überfüllt. Johanna steigt vom Rad ab und schiebt es den Weg entlang in Richtung Hecke, die eine natürliche Grenze der Wiese bildet. Unter ihren Armen, am Rücken und unter ihrem Po klebt das Kleid an ihrem Körper. ‚Zum Glück ist mein Kleid gestreift – so sind die Schweißflecken oder besser gesagt: Die feuchten Flächen nicht zu krass erkennbar.‘ denkt sie. An der Hecke angekommen ergattert sie noch einen kleinen Schattenplatz, legt das Rad, das Handtuch und ihr Kleid endlich ab. Barfuß und schnellen Schrittes geht sie runter zum See. Durch die Menschenmengen. Sie hört das Lachen der Leute um sie herum, das freudige Schreien und Quitschen der Kinder, die sich mit Wasserpistolen Erfrischung verschaffen. Die letzten Schritte über den heißen Sand, der einen circa fünf Meter breiten Streifen zwischen Wasser und Wiese bildet. Wieder ein Ziehen im Unterleib. Johanna rennt nun über den schmalen Strand ins Wasser. Lässt sich fallen und taucht ein paar Meter durchs kühle Nass.

Als sie sich dann endlich erfrischt fühlt und das Wasser die klebrige Haut gereinigt hat, steigt sie langsam wieder aus dem See und geht zurück zu ihrem Handtuch. Schon auf dem Weg hierher merkt sie, wie die Sonne ihren feuchten Körper trocknet. Sie setzt sich auf das Tuch – die Beine ausgestreckt, den Oberkörper mit ihren Unterarmen abgestützt. Die Augen geschlossen atmet sie den Geruch der Liegewiese ein. Sonnencreme, getrocknetes Gras und die grüne Hecke, der kühle Boden unter ihr. So liegt sie nur kurz da. Einatmen – Ausatmen. Ein leises Seufzen. Dann rollt sie sich zur Seite, um ihr Buch aus der Tasche zu holen. Als sie das Tuch glattstreichen will sieht sie einen ca. 5 cm großen, hellrosa gefärbten Fleck. Damned! Hecktisch fingert sie nach ihrem Kleid – auf diesem rankt ebenfalls ein roter Fleck, der jedoch ein wenig größer und dunkler ist. Shit! Es war nicht nur Schweiß. Und diesen Fleck hat sie schön durch die Menschenmenge Spazieren getragen. An all den auf ihren Handtüchern und Decken liegenden Menschen vorbei, genau auf deren Augenhöhe. Was nun?

Aber erst mal sitzen bleiben, überlegen, wie sie aus dieser Situation wieder herauskommt, ohne dass sie die Blicke der Menschen um sie herum auf sich zieht. Während sie noch grübelt und ihre Gedanken sich immer wieder im Kreis drehen, hört sie das Mädchen ein paar Meter von ihr entfernt zu ihrer Mutter sagen:“Mama schau mal, die Frau hat sich wehgetan. Sie blutet ja.“ Nun schaut die Mutter zu Johanna rüber, Johanna wird heiß und kalt. Die Frau kramt in ihrer Tasche, steht auf und kommt zu Johanna rüber, beugt sich zu ihr und reicht ihr einen Tampon: „Das ist mir auch schon passiert. Wahrscheinlich ist das sogar so ziemlich jeder Frau hier einmal so ergangen. Da müssen wir zusammenhalten“, zwinkert sie ihr zu und geht zurück zu ihrer Tochter. „Liebes, die Frau hat sich nicht wehgetan. Wenn Frauen bluten, kann es auch etwas ganz natürliches sein. In ein paar Jahren wirst Du es verstehen. Wichtig ist nur, dass wir uns dafür nicht schämen und einander helfen.“ Mit großen Augen schaut das Mädchen seine Mutter an, dann zu Johanna rüber. „Da bin ich aber froh, dass du dir nicht wehgetan hast“, sagt sie in Johannas Richtung und lächelt erleichtert. Johanna lächelt zurück und nickt der Mutter dankend zu. Die Hitze, die sie nun empfindet, ist nur noch der scheinenden Sonne geschuldet. Mit dem Tampon in der Hand steht sie auf und steuert das wenige Meter entfernte Toilettenhäuschen an.



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Über mich

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