The Shrinking Sloth

Kurzgeschichten und Momentaufnahmen


Laufen

Ich sitze auf dem Bett, die Beine von mir gestreckt, im Rücken ein Kissen, dass ich an der Wand drapiert habe. Ich fühle mich energie- und antriebslos, traurig und verloren. Die Hündin muss raus. Es ist bereits nach 11 Uhr und sie läuft auf und ab. Ihre Krallen rufen auf dem Laminate ein klackerndes Geräusch hervor. Langsam schiebe ich die Bettdecke von meinem Körper. Ich strecke mich kurz. Robbe zur Bettkante und setze mich auf. Meine Hände fischen in einem Kleiderberg nach den Laufklamotten – Socken, Hose, Sport-BH – und beginne, mich anzuziehen. Anschließend lege ich meiner Hündin ihr Halsband an. Als ich mit dem Laufgeschirr um die Ecke komme, legt sie sich wieder auf den Boden. Ganz flach, den Kopf ebenfalls abgelegt. Tief holt sie Luft und schnauft sie wieder aus. „Los!“, sage ich, „Steh auf, es geht jetzt endlich raus!“ Doch sie schaut mich bloß mit ihren braunen Kulleraugen an. Ein bisschen gebe ich ihr noch Zeit und ziehe meine Laufschuhe an. Ich entscheide mich für die Trailrunningschuhe. Im Raum ist es ruhig. Die Hündin steht auf, ich lege ihr Geschirr und Leine an, schnalle den Bauchgurt um und stecke den Schlüssel in die kleine Tasche meiner Laufhose. Im nächsten Moment fällt die Haustür zu und die Hündin wedelt mit der Rute, den Kopf erhoben.

Schon als wir mit dem Auto um die Ecke biegen, beginnt die Hündin hinten im Kofferraum des schwarzen Ford Focus Kombis zu janken. Ich sehe einen freien Parkplatz und eine Menge Bäume vor mir, die die Hündin aus den getönten Heckscheiben ebenfalls sieht. Ich parke den Wagen und lasse die Hündin aus dem Kofferraum springen. Sie flitzt sofort in Richtung Waldweg. „Okay,“ denke ich, „dann kann ich ja direkt beginnen zu laufen.“ Ich aktiviere auf meiner Uhr ein Lauftraining und beginne, meiner Hündin hinterherzulaufen. Meine Schritte werden von den Schuhen und dem weichen Waldboden abgefedert. Auf dem dunkelbraunen, sandigen Boden treten die Wurzeln der umliegenden Bäume hervor. Tannenzapfen und kleine Hölzer liegen auf dem Weg. Ich laufe an der Hündin vorbei, die schnuppernd am Wegesrand steht und mit ihrer dunkelten Nase im hohen Gras steckt. Nach circa 100 Metern kommt sie hinter mir hergerannt. Ich höre sie hecheln und spüre, wie ihr Gewicht den weichen Waldboden leicht beben lässt.

Der Geruch von Wald steigt in meine Nase. Kiefern, Tannen, Fichten? Ich weiß es nicht, aber es riecht nach Nadelbaum. Die ersten feinen Tropfen fallen auf mir herab. Meine Atmung wird schneller und flacher, mein Gesicht wird wärmer. Beginne zu schwitzen. Der Schweiz vermischt sich mit dem Regen, so dass mein Gesicht inzwischen komplett feucht ist. Jeder Atemzug brennt in meiner Lunge. Meine Uhr warnt mich, der aktuelle Puls sei zu hoch. Ich stelle die Warnfunktion aus. Laufe schneller. Fokussiere mich auf die Unebenheiten des Weges, springe über umgefallene Bäume und drehe mich hin und wieder um, um zu schauen, wo die Hündin steckt.

Die Regenjacke flattert um meine Arme. Sie ist weit und zu groß. Stammt aus einer Zeit, in der ich noch ein wenig mehr auf den Rippen hatte. Aus einer glücklicheren Zeit. Zumindest aus der heutigen Perspektive. Neben dem Schweiz und der Nässe des Sprühregens gesellt sich eine weitere Flüssigkeit auf mein Gesicht. Ich reiße die Augen auf und laufe schneller. Neben meinen Oberschenkeln und der Lunge brennen nun auch meine Augen. Ich beginne, meinen Atem runterzufahren, während ich immer schneller laufe. Längere und tiefere Züge. Durch die Nase ein – durch den Mund wieder aus. Drei Schritte schaffe ich es einzuatmen. Zwei beim Ausstoßen der Luft. Ich rieche die Natur – den modrigen Boden, das Holz der frisch gefällten (oder gefallenen?) Bäume, die feuchte Luft.

Die Hündin hat einen Stock gefunden, den sie seit ein paar hundert Metern mit sich rumschleppt. Es ist kein Stöckchen, nein – ein richtig großer Stock, fast wir ein kleiner Baumstamm. Und mit eben diesem versucht sie nun, mich auf dem schmalen Trampelpfad, auf den wir inzwischen abgebogen sind, zu überholen. Super Idee! Würde ich meine Arme ausbreiten, würden sie fast bis zu den Ellbogen im Dickicht verschwinden. So eng ist es. Und die Hündin ist nicht klein. Über 60 Zentimeter Schulterhöhe. Eher die Größe eines Schäferhund-Rüden. Sie ist zwar schmal und athletisch, aber mit dem Stock kommt sie nicht so einfach an mir vorbei. Entweder lasse ich sie an mir vorbei oder ich laufe schneller. Da ich inzwischen meinen Herzschlag deutlich spüre, entscheide ich mich für ersteres. Ich bleibe abrupt stehen. Presse die Luft aus meinen Lungen und lasse die Hündin vorbei. Nun trabt sie vor mir und ich ringe nach Luft. Bleibe stehen. Spüre ein kurzes Vibrieren an meinem Handgelenk. Ich werfe einen Blick auf meine Uhr. Das tracken meines Laufs wurde pausiert. Kilometer 2,48, Dauer 15:26 Minuten. Irgendeine Flüssigkeit rinnt über meine Stirn, während die Hündin mit dem Hintern wackelnd weiter trabt. Ich hole tief Luft. Sie dreht sich mit dem Stock im Maul um. “Mullemaus, ich komme gleich!”, rufe ich ihr entgegen. Ich gehe ein paar Meter auf sie zu. “Es bringt doch nichts”, denke ich mir und sobald ich beginne, wieder zu laufen, trabt auch die Hündin weiter.



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Über mich

Jahrgang 78, weiblich
Hobbies: Laufen, Schreiben, Wandern, Schwimmen, Yoga, das Hundekind
Music: Punk, Northern Soul, Britpop, 90s Deutsch-Hip-Hop, Ska
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